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Kontraproduktive Kritik

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Ich muss mich mal zum Thema Tierschutz / Veganismus auskotzen.

Hier ein paar Highlights aus Diskussionen, die ich mitgelesen, aber nicht selbst kommentiert habe. Diese zeigen, dass der Feind mitnichten immer die Omivoren sind, sondern auch in den eigenen Reihen lauern kann, und dass selbst Personen, die überhaupt nichts Positives in dieser Richtung beizutragen haben, sich erdreisten, über andere zu urteilen:

Fall A:
Leute kommentieren unter einem recht neutralen Bericht einer großen Nachrichtenseite über die ebenso sinnlosen wie barbarischen Stierrennen in Pamplona und fordern die Abschaffung dieser Tierquälerei. (Hallo Claudia Stieble.)
Prompt springen ein paar Besserwisser aus dem virtuellen Busch und ätzen: „Ja ja, über sowas aufregen und dabei ein Schnitzel fressen.“ Freilich ohne zu wissen, was die Ernstgenannten an jenem Tag zum Mittag genossen haben, noch was sie sonst so im Bereich Tierschutz tun.

Fall B:
Bio-Lebensmittel-Firma X postet über ein eigenes Eisprodukt. Fleischesser und Vegetarier geben vorwiegend positives Feedback oder bemängeln, dass es das Produkt in ihrer Nähe nicht zu kaufen gibt. (Hallo Petra Kienle.)
Veganer maulen daraufhin Firma und vor allem Vegetarier an, weil man auch durch Milchkonsum zum Tiermörder wird.

Nun – dass die jeweils zuletzt genannten Parteien inhaltlich recht haben, bezweifelt wohl niemand, der sich auch nur ein ganz kleines Bißchen mit der Thematik auseinander gesetzt hat.

Ich habe mich ähnlich zuletzt so über Leute geäußert, die großartig und pathetisch verkündeten, sie würden sich schämen, Deutsche zu sein, weil vor einiger Zeit ein paar Sesselpupser im deutschen Beamtenapparat völlig sinnbefreit Paul Watson (Chef von Sea Shepherd) festgesetzt hatten und sich damit ganz nebenbei über die Meinung von Interpol zu der Sache hinweg setzten. Und Speziezismus – Hunde knuddeln, Schweine essen z.B. – finde ich in den meisten Fällen genauso heuchlerisch.

Man beachte jedoch den Kontext und den Ton. In den meisten Fällen ist sowas schlicht ÜBERHAUPT NICHT ZWECKDIENLICH. Da werden Leute verbal niedergeknüppelt, die schon begriffen haben, dass man Tiere besser behandeln sollte als es standardmäßig auf dieser Kugel üblich ist. Diejenigen werden eher auf Durchzug schalten als zugeben, dass die
Meckerfraktion eigentlich recht hat. Das ist psychologisch verständlich und normal.

Solches Verhalten schadet so der an sich noblen Sache mehr als es nützt. Ich wage zu behaupten, dass es solchen Leuten eher darum geht, in der Diskussion recht zu behalten oder selbst toll dazustehen. Ätschibätsch, ich bin ein besserer Tier- und Umweltschützer als du.

Das Spiel kann man unendlich weiterspielen. Gewinner ist am Ende keiner, vor allem nicht die Tiere. Es gibt immer jemanden, der noch mehr tut. Irgendwann kommt auch immer ein Klugscheisser daher, der mit dem Totschlagargument kommt:

Aber der Computer, an dem du gerade schreibst, wurde in einer Fabrik produziert, für die irgendwo irgendwer
einen Wald abgeholzt und die dort lebenden Tiere vertrieben hat.

Ganz kompliziert wird es dann, wenn man neben Tieren und Umwelt auch der eigenen Spezies etwas Gutes tun will, damit z.B. in Indien nicht wieder Hunderte von Arbeitern beim Zusammenbruch einer Textilfabrik sterben.

Inhaltlich sicher auch richtig, taktisch gesehen trotzdem dämlich. Zusätzlich zu den genannten Gründen vor allem aus diesem einen Grund:
Der einzige Zustand, an dem ein Mensch mit seiner Lebensart garantiert keinem anderen Lebewesen mehr schadet, ist… der Tod.
Am anderen Ende der Skala gibt es die Zyniker, die rein gar nichts unternehmen mit dem „Argument“, man könne als Einzelner eh nichts ausrichten bzw. nicht allen helfen.
Dazwischen gibt es viele Abstufungen.

Ich als Vegetarier freue mich jedenfalls auch über Fleischfresser, die Stierkämpfe zum Kotzen finden und sich in irgendeiner Form für die Abschaffung einsetzen. Oder mit Hunden aus dem Tierheim spazieren gehen. Oder Geld für die Kastrierung von Strassenkatzen spenden. Mir würde im Traum nicht einfallen auf die Internetseite irgendeiner im Tierschutz tätigen Organisation zu gehen und alle Leute anzugeifern, die nicht Veganer sind. (Selbst wenn ich Veganer wäre, was ich zu meiner Schande nicht bin.)

Ich wäre wahrscheinlich schon 5 Jahre früher Vegetarier geworden, hätten wir damals auf unserem Trekdinner Aachen nicht eine solche Sorte Veganer gehabt…

Und um die Kuriositäten der letzten Zeit zu diesem Thema komplett zu machen, zum Schluss noch

Fall C:
Person A behauptet in einer Veganer- / Vegetarier-Diskussion, dass Tierschützer (wie Person B) Veganer sein sollten.
Wobei Person B in diesem Fall ein ehrenamtlich bei Sea Shepherd tätiger Vegetarier ist. (Hallo Ju Lia.)
Und Person A ist weder im Tierschutz tätig, noch einfach so Veganer. Auch nicht Vegetarier. Nicht einmal Otto-Normal-Fleischfresser. Nein, Person A hat sich bewusst im erwachsenen Alter dazu entschieden, Gebote zu befolgen, die vor rund 1 1/2 Jahrtausenden ein Typ in einer weit entfernten, sehr heissen und sandigen Region dieses Planeten von seinem imaginären Freund bekommen haben will, der sich als Schöpfer des gesamten sichtbaren und unsichtbaren Universums ausgegeben hat. Und der trotzdem so kleinkariert ist, dass er von seinem Meisterwerk – dem Menschen natürlich, was sonst – verlangt, seine niederen und weniger wertvollen Geschöpfe vor dem Verspeisen auf eine Weise zu töten, die in der Regel länger dauert und blutiger ist als die sonst hierzulande übliche Vorgehensweise.

Hach, Menschen. Highly illogical, wie Mr. Spock sagen würde.

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16 Kommentare

  1. Petra sagt:

    Ich finde es da auch immer spannend, zu beobachten, wie sich an Bio-Lebensmittel-Firma X vergriffen wird, obwohl die doch zumindest auf dem richtigen Weg sind, auch wenn sie einem persönlich vielleicht nicht weit genug gehen. An die wahren Sünder, zB große Konzerne, trauen sich genau diese Kläffer aber nicht heran.

  2. Claudia sagt:

    Kommentare, die zu meinen Kommentaren auf diversen Seiten gemacht werden, lese ich gar nicht mehr, weil es sich meistens um Menschen handelt, die anscheinend nichts besseres zu tun haben als dämliche Kommentare zu schreiben. Mein Salat schmeckt mir immer noch auch ohne dass ich mein Essverhalten an allen Ecken und Enden rechtfertigen muss.

  3. Susanne sagt:

    Danke, es lebe die Toleranz!

  4. Jessica sagt:

    @Petra: Meine Rede. Wenn alle Konkurrenten schon mal so weit wären wie Firma X – nennen wir sie mal Alnatura 😉 – sähe es schon ein bißchen besser aus.

    @Claudia: Besser für den Blutdruck ist das. :,)
    In meiner Aktivitätenspalte rechts erschien Dein Kommentar, ich habe die N24-facebook-Seite mit der Meldung angeklickt und noch überlegt, ob ich den Besserwissern etwas Entsprechendes antworten soll.

    @Susanne: So tolerant bin ich gar nicht. Eigentlich bin ich sogar ziemlich intolerant, wenn es um Tiere geht. 😛 Denn in den meisten Fällen ist es keine Frage der persönlichen Wahl, so wie bei der Frage, ob man lieber Wasser mit oder ohne Blubber trinkt. Es betrifft ja immer noch einen Dritten, nämlich das Tier.
    Aber die genannten Verhaltensweisen sind einfach kontraproduktiv.

  5. Petra sagt:

    Letzter Satz: Genau mein Reden. Und für mich heißt eine solche Lebensweise auch: Selber denken!
    Wenn ich wissen will, ob etwas vegan ist, dann schau ich mir die Zutatenliste an. Statt den Laden anzuplärren, dass er mir das zu sagen habe, damit ich ja nicht mein eigenes Hirn benutzen muss. So einfach.
    Und dann kann ich, je nachdem, wie sehr es mir gegen den Strich geht, das Produkt oder gar den ganzen Laden boykottieren, indem ich es nicht kaufe oder dort nicht einkaufe. Das ist effizienter, als den Laden anzuplärren, dass sie ihr Sortiment auf mich einzustellen haben. Alternativen gibt es genug. Aber um die zu finden, müsste man ja selbst suchen. Oh Schreck.

  6. Jessica sagt:

    Wobei ich ein verlässliches veganes oder vegetarisches Label schon toll fände… Ist mir persönlich auch ungleich wichtiger als die Kenntnis über die Menge der enthaltenen Kalorien, Fett usw.

  7. Petra sagt:

    Ist das existierende vegan-Label nicht verlässlich? So weit bin ich da nicht drin.

  8. Claudia sagt:

    wenn ich eine vegane Freundin richtig verstanden habe muss man sehr aufpassen, welche veganen Lebensmittel man kauft. So kauft nichts ohne die Inhaltsangaben ganz genau zu lesen. Manchmal sind in einigen dingen tierische Lecitine verarbeitet.

  9. Jessica sagt:

    Da ich die Zutatenliste sowieso immer lese und bislang ja nur Vegetarier bin, weiss ich es nicht. Mag schon sein, dass es verlässlich ist, aber vegetarische Produkte haben kein einheitliches Label. Und umgekehrt sagt das Fehlen solcher Label auch nichts aus.

    Ich meinte eher so eine Art Ampelsystem mit Tierschutz-Aspekt:
    a) enthält totes Tier, mit oder ohne tierische Produkte,
    b) enthält tierische Produkte, aber kein totes Tier (vegetarisch),
    c) enthält weder totes Tier noch tierische Produkte (vegan).
    Für die bösen Kalorien, Fett und Zucker hat es sich ja auch durchgesetzt. Da sieht man wieder, wo die Prioritäten liegen…

  10. Julia sagt:

    so say we all! mich bekommt auch immer wieder das Gefühl, dass manche Menschen nicht aufklären, sondern sich selbst in ein tolles Licht rücken wollen, oder einfach Korinthenkacker sind^^ „ich verzichte nun auf dieses und jenes, ich tue dies und das, blabla und was du machst ist doch voll kontraproduktiv, wenn du was gutes tun möchtes“ Letzten Endes, kommt es doch meiner Ansicht nach darauf an, dass ein gewisses Bewusstsein geweckt wird, dass man den Konsum von Tieren und deren Produkten nicht als selbstverständlich ansieht, dass man mitdenkt und bewusst lebt.
    Der eine ist schon mit dem Thema Tierschutz groß geworden, der andere neu dabei und vielleicht einfach noch nicht so weit, um einen nächstes Schritt zu gehen.
    Aber das eigene Gewissen ist dabei und beschäftigt sich mit Tierhaltung, Produktion, Vertrieb und Verzehr. Das ist doch ein toller Schritt in die richtige Richtung!
    Und stures Bekehren wollen ist sinnlos. Lieber einfach mal in einer Runde im Freundeskreis eine Alternative anbieten und dann feststellen, dass die Freunde angetan sind und auch langsam mitdenken, als mit der Keule auf andere einschlagen

  11. Petra sagt:

    Ja. Es ist schon ein Riesenunterschied, ob man zu Hause vegan kocht und ein Freund, der zu Besuch ist und mitisst, nachher sagt: Das war ja sogar lecker!, oder ob der Freund gar nicht mehr zu Besuch kommt, um das rauszufinden, weil man ihn vorher schon beschimpft hat dafür, dass er Käse isst. xD

  12. Grit sagt:

    ich finde, jeder sollte für sich Entscheidungen treffen und andere in Ruhe lassen. Ich zwinge meinen Lebensstil niemanden auf und erwarte, dass andere mir ihren nicht aufzwingen.

  13. Claudia sagt:

    Das ist es eben, missionieren, egal in welcher Richtung ist einfach Mist, weil jeder, sogar ich nach einiger Zeit einfach angenervt ist und seine Ruhe haben möchte. Es muss jeder sehen wie er leben möchte. Ich bin kein Vegetarier, aber ich bin aufgewachsen mit der Premisse, dass jedes Tier, auch wenn es einmal in unseren Kochtöpfen landet, ein gutes Leben haben soll. Ich lebe auch noch nach der Devise meiner Großeltern, dass man nicht jeden Tag Fleisch auf dem Teller haben muss, ich bin groß geworden mit dem Sonntagsbraten und mehr oder weniger fleischloser Kost während der Woche. Ich bin aufgewachsen, umgeben von Tieren, von denen ich wusste, dass wir sie irgendwann essen werden. Das wurde mir von klein an eingebleut, wenn wir im Frühjahr auf Kleintiermärkten unsere Hasen und Küken gekauft haben. Ja ich weiss auch wie es ist ein Tier zu töten, wir Kinder waren immer dabei, wenn unser Vater einmal im Jahr 2 Schweine geschlachtet hat. Wir waren daran beteiligt, die Hühner zu rupfen, die wir als Küken mit zerhackten Brennesseln gefüttert haben. Wir waren für die Sauberkeit der Hasenställe zuständig und durften auch mit ihnen spielen. Ich habe nicht viele Tiere in meinem Leben selbst getötet, aber ich weiss wie es funktioniert, ein Huhn schmerzfrei und ohne Qualen zu töten und wie es sich anfühlt einen Fisch zu töten. Das ist das Leben mit dem ich groß geworden bin und dafür werde ich mich niemals entschuldigen, da das Lektionen waren, die die meisten Menschen, die heute ihre Schnitzel verschweisst im Supermarkt kaufen, nicht einmal ansatzweise kennen oder kennen wollen. Meine beste Freundin ist seit Jahren Veganerin, als sie mich an meinem Geburtstag besucht hat, meinte sie zu mir, „Wenn man im zug sitzt und in Deine Gegend fährt könnte man glauben, dass alles mit der Welt in Ordnung ist. Man sieht glückliche Kühe auf den Wiesen, die Hühner laufen frei in den Gärten herum, die Schafe grasen die Hänge ab, in den Teichen schwimmern die Enten. Wenn man das sieht könnte man leicht vergessen, wie es wirklich in der industriellen Tierhaltung zu geht.“

  14. Jessica sagt:

    @Grit und Claudia: Wie gesagt, es gibt viele Abstufungen zwischen den Extremen.

    Ich hatte mit „Nutz- und Schlacht-Vieh“ noch nie etwas zu tun, ich bin nur mit Haustieren groß geworden. Ich habe schon einige Tiere beim Sterben erlebt, aber ich könnte kein Tier selbst töten, ob Fisch, Huhn, Kuh oder sonstwas. (Mal abgesehen von Spinnen, die in meine Wohnung eindringen. Da siegt meine Arachnophobie.) Vor allem aber: Ich sehe keinen Grund eines zu töten oder für mich töten zu lassen. Ich lebe in Deutschland mit Supermarkt in jedem Kaff, wo ich zu jeder Zeit genügend pflanzliche Nahrung finde.

    Ich quatsche den Fleischessern im realen Leben auch nicht ungefragt in ihr Essen, aber wenn sie das Thema anschneiden oder es hier im Internet zur Sprache kommt, reagiere ich entsprechend. Das fällt dann je nach Gegenüber oder den Argumenten (die meisten sind eben keine oder saublöd) mehr oder weniger nett formuliert aus.

    Aber wie ich schon sagte, die Fleisch-oder-nicht-Fleisch-Frage (bzw. alles, was irgendwie Tiere betrifft) ist eben nur am Rande eine des Geschmacks und der persönlichen Entscheidung, denn es betrifft immer einen Dritten, der sich nicht entscheiden konnte, nicht für sich selbst sprechen kann und es auch nie können wird, das Tier. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, als Tierrechte über Tierschützer, Tierrechtler, Vegetarier, Veganer usw. geltend zu machen. Insofern darf man sich als solcher nicht nur einmischen, sondern muss es sogar, wenn man an den aktuellen Umständen etwas ändern will.

    Die Frage ist für mich nur, wie man das macht und in welchem Umfang.

  15. Petra sagt:

    Manchmal ist es auch verdammt schwer, diplomatisch zu bleiben beim elfzigsten Typen, der meint, er wär der erste mit dem „zu dumm zum Jagen“-Spruch. Und auch nicht begreifen mag, dass das je nach persönlichem Verhältnis grob unhöflich bis beleidigend ist.

  16. Jessica sagt:

    Ja, sowas meine ich. Oder wenn man mit Argumenten um die Ecke kommt, die jeder Grundschüler widerlegen könnte, der seine Schulzeit nicht völlig verpennt hat. Wenn zum 78sten Mal irgendwer meint, man müsste die ganzen Schweine auffressen, weil sie sich sonst bis zum Himmel stapeln und wir unter ihnen ersticken, reisst mir schlicht der Geduldsfaden. Oder dass man gar nicht so viel Anbaufläche für Gemüse auf dem Planeten hat für eine vegetarisch lebende Weltbevölkerung. Oder jemand mir erzählt, dass mein Essen seinem Essen das Essen wegisst. Oder dass auch Hitler Vegetarier war.

    Vor allem, weil diejenigen in einem fortschrittlichen aufgeklärten Land leben, wo Informationen zum Thema frei zugänglich sind und sie trotzdem das Internet nur dazu benutzen, um solche blöden Sprüche abzusondern statt sich zu informieren.

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